ivona jelčić: panorama, decoded
Bis 2018 leuchtete Christoph Hinterhubers pinke Neonschrift-Installation „De-Decode De-Recode Re-Decode Re-Recode“ an der alten Hungerburgbahn-Brücke in Innsbruck. Ewig schade, dass sie dort keine permanente Heimat gefunden hat. Zwar war ihr später noch ein zweites Leben an der Fassade des Ferdinandeums beschieden, aber gerade am ursprünglichen Installationsort – und in Kombination mit der 2013 realisierten Intervention „event horizon (vertikal)“ an der Rotunde – hat der Künstler auch Fragen zur Transformation und Zukunft eines einzigartigen städtischen Areals aufgeworfen. An prominenter und verkehrstechnisch neuralgischer Stelle zwischen Rennweg und Inn gelegen, bildet das Ensemble aus alter Eisenfachwerkbrücke über den Inn, Talstation und Rotunde irgendwie ein Kuriosum: Eine Ansammlung historischer Bauwerke, die ihre ursprünglichen Funktionen verloren haben, aber kulturell und vor allem stadträumlich prägend sind. Und entsprechend herausfordernd, weil es für ihre Nachnutzung und eine zukunftsträchtige Entwicklung des Areals Mut, Visionen – und ja: auch Investitionen – braucht.
Nichts davon war bislang auszumachen, jedenfalls nicht von Seiten der politischen Verantwortlichen. Immerhin: Im Fall der Talstation hat die junge Kulturszene nach langem, zähem Ringen den Beschluss der Stadt Innsbruck zur Sanierung erwirkt. Im Fall der seit der Übersiedlung des Riesenrundgemäldes auf den Bergisel leerstehenden Rotunde wäre eigentlich das Land als Eigentümer am Zug und hätte die Verantwortung dafür kurz vor der Bürgermeister:innenwahl 2024 mittels Schenkung am liebsten an die Stadt abgeschoben. Womöglich bereits mit Blick auf die wenig später vom Nationalrat beschlossene Novellierung des Denkmalschutzgesetzes, mit der die Einführung einer „Erhaltungspflicht“ einherging. Damit soll, wie es in den Erläuterungen heißt, verhindert werden, dass Eigentümer:innen von Baudenkmalen „diese aus Gewinnabsicht absichtlich so weit verfallen lassen, dass ein Abriss der letzte verbleibende Ausweg ist“. Das betrifft selbstredend auch öffentliche Gebäude – der Umgang mit ihnen hätte Vorbildfunktion – von der man angesichts der seit 2010 nur notdürftig instandgehaltenen, denkmalschützten Rotunde, für die schon seit Jahren ein Betretungsverbot gilt, allerdings kaum sprechen kann.
Andererseits ist es erstaunlich, dass die Rotunde überhaupt noch steht und demnächst das stolze Alter von 120 Jahren erreicht. Sie wurde 1907 eilig und mit einfachsten Materialien nach Plänen von Josef Retter errichtet, als zweckmäßige und temporär gedachte Hülle für die Präsentation des Rundgemäldes. Doch der außergewöhnliche zwölfeckige Bau mit seiner hölzernen Schirmdachkonstruktion mit Laterne erwies sich als widerstandsfähiger als gedacht und fasziniert mit räumlichen Qualitäten, die unterschiedlichste Nachnutzungsideen sprießen ließen. Sie sind mitsamt diverser Machbarkeitsstudien, unter anderem für ein Alpenvereinsmuseum, aber schnell wieder in der Schublade verschwunden. Anders gesagt: Außer Spesen nichts gewesen.
Dass dies unbefriedigend ist, hat man sich offenbar auch an der Architekturfakultät der Universität Innsbruck gedacht, sich des Themas gemeinsam mit Studierenden angenommen und Interesse bekundet, die Rotunde zu bespielen und wiederzubeleben. Als Ort für Lehre, Forschung, Wissenstransfer in die Gesellschaft und auch für angedachte Kooperation mit Kulturinstitutionen. Für das Land – und auch für die Stadt Innsbruck – ist das eigentlich ein Glücksfall, da man Expert:innen an der Hand hätte, die eine sanfte und budgetschonende Transformation in kleinen Schritten anstreben, weil sich daraus Impulse für das gesamte Areal ergeben könnten und im besten Fall unterschiedliche Nutzungsarten möglich blieben, ohne dass man das eigenwillige Bauwerk mit hohem Aufwand zu Tode ertüchtigt.
Es bräuchte dafür aber den politischen Willen, Weitsicht und natürlich auch Investitionen. Denn weitere 16 Jahre Leerstand können nicht die Lösung sein.
Text: Ivona Jelčić, aus aut: info 3/26
