Das aut: feuilleton ist ein Auszug aus einem sechsseitigen Beitrag über die Siedlung Pumpligahn, der 1983 noch vor Baubeginn in der Tiroler Kulturzeitschrift „Das Fenster“ mit einem der wenigen theoretischen Texte von Norbert Fritz sowie einem Vorwort von Dietmar Steiner erschien.
Das Wechselspiel, wie ein Bauwerk auf unser Selbstwertgefühl wirkt und wie dieses unbewusste Selbstgefühl unser Bauen beeinflusst, scheint seit mehr als zweihundert Jahren nicht mehr bewusst verstanden zu werden, obwohl wir ihm dauernd unterworfen sind.
Unser zur Zeit noch immer wichtigster rationaler Bezugspunkt ist, was den Großteil des Gebauten anlangt, die Funktion: z. B. welche Funktion – Krankenhaus oder Bauernhaus, Schule oder Fabrik – hat dieses Bauwerk, wie stellt sich der Funktionsablauf dar und wie gut oder schlecht funktioniert dann dieses Ding. Wie dieses Gebaute jedoch auf den Menschen und schließlich auch auf seine Umwelt wirkt, diese Frage wird nicht gestellt.
Der zweite Bezugspunkt unseres Verstandes zum Bauen ist der Schutz: Schutz vor Regen und Schnee, Hitze und Kälte, im „energiebewussten Bauen“ deutlich gemacht. Die Wirkung des Baues auf das Unbewusste im Menschen ist aus dieser Sicht nebensächlich.
Der dritte Bezug in unserem bewussten Gestalten ist das Formale: Ist das Haus modern, postmodern, regional oder international, ländlich oder städtisch, formal gut oder schlecht. Sein Wirken auf unser Unbewusstes ist beabsichtigt, die Mittel werden aber oft falsch eingesetzt.
Der vierte Schwerpunkt, die Repräsentation – denken wir an Versicherungsanstalten, Banken, den Chefschreibtisch –, beleuchtet erstmals das Thema: Warum wirkt das Schloss repräsentativ?
Nach meinem Studium 1961 interessierte ich mich noch immer für unsere alten Bauernhäuser, obwohl sie den formalen Anforderungen der damals „neuen Zeit“ bei Gott nicht mehr entsprachen. Sie waren alt in ihrer Formensprache und alt in ihrer Erscheinung, aber trotzdem lebendig und seltsam entspannend, im Gegensatz zu den neuen Bauten.
Was haben diese Bauten an sich, das diese Entspannung bewirkt? Dieses Phänomen begann mich zu interessieren. Nach ergebnislosem Suchen im „Formalen“ fiel mir ein „Kleiner-Sein“ auf. Das Haus selbst konnte groß sein, nur Türen, Fensterbänke, meist auch Raumhöhen waren kleiner, geringer, so als ob die Bewohner damals kleiner gewesen wären. Aber Kirchen aus derselben Zeit, für dieselben Menschen gebaut, waren anders. Bei diesen Kirchen konnte man unter der Türklinke durchgehen. Wohlgemerkt, es waren dieselben Menschen in derselben Zeit, aber es gab anscheinend zwei Maßsysteme: einen dienenden Maßstab für das dauernde Wohnen und Arbeiten der Menschen und einen repräsentativen Maßstab für das „Haus Gottes“.
Wir messen uns unbewusst, aber dauernd an unserem Umfeld. Eine große, hohe Türe, ein großes Fenster über hoher Fensterbank lassen uns – unbewusst – kleiner werden. Niedere Türen, niedere Fensterbänke, niedere Möbel, kurz, alles, woran wir uns unmittelbar messen, lassen uns – unbewusst – größer werden. Diese Sprache der Architektur war früher jedermann verständlich. Im dienenden Maßstab tritt das Bauwerk gegenüber dem Menschen zurück, lässt ihn, den Menschen – rein unbewusst – wichtig werden. Im repräsentativen Maßstab wird der Mensch – unbewusst – kleiner gegenüber dem Bauwerk und der von diesem Bauwerk repräsentierten Macht.
Gegen dieses „Kleiner-Werden“ unseres Selbstwertgefühles müssen wir uns bewusst zur Wehr setzen und unser „Selbstbewusstsein“ aufbauen. Wir spüren es im Zusammenleben. Vorerst dem Sakralen vorbehalten, sank der repräsentative Maßstab ins Profane. Nach der Kirche bediente sich der Adel dieser „gebauten Repräsentation“ in den Schlössern des Absolutismus, um eben Untertanen „unter zu tun“. Später verwendeten auch wohlhabende Bürger diese Bausprache, und zuletzt – nach dem Verlust des Wissens um die Zusammenhänge – möchte jeder jeden beeindrucken.
Das Nächste, was auffiel, war das Material: Naturholz, weiße Mauern, einfache natürliche Baustoffe, zurückhaltend in Farbe und Ausdruck auf der dienenden Seite; Granit, Marmor und Gold, glänzend und reich strukturierte Oberflächen im repräsentativen Bauen. Und wieder stehen wir vor derselben unbewussten Wirkung. Vor dem einfachen, zurückhaltenden Hintergrund wird der Mensch wichtig, vor der reich strukturierten „repräsentativen Wand“ wird der Mensch unbedeutend.
Noch etwas fiel mir an diesen „alten Bauernhäusern“ auf, es waren die Proportionen der Räume. Nur selten finden sich Zufallsmaße. Fast immer bilden die Raummaße ein Vielfaches der verwendeten Maßstabseinheit. Darüber hinaus fand ich meist klare Raumproportionen. Das reine Quadrat und ein Rechteck, welches einem oder mehreren gleichseitigen Dreiecken umschrieben ist. Nach dem Buch „Symbole der Wandlung“ von C. G. Jung ist das Quadrat ein Ganzheitssymbol und dem Verstand zugeordnet, der Kreis dem Gefühl. Daraus scheinen quadratische Räume verstandesbezogen, dreiecksabgeleitete Rechtecksproportionen dem Gefühl zugeordnet zu sein.
Die letzte Überlegung bezieht sich auf die Raumöffnung zum „Außen“ und deren Entsprechung im Unbewussten. Kleine Öffnungen – Geborgenheit bis Enge, große Öffnungen – Freiheit bis Ausgesetztsein. Anzustreben ist der Wechsel im Haus. Ein nur freies Haus lässt die Geborgenheit vermissen, ein nur behütendes Haus wird auf die Dauer eng und bedrückend. Ein Haus mit beiden Aussagen lässt das Spiel der Stimmungen zu.
Meine Arbeiten versuche ich diesen Gesetzen zu unterwerfen, wobei der Weg lang und nur behutsam zu begehen ist, da Gewohnheiten, Vorurteile und Gesetze überwunden werden müssen.