in memoriam grelt köfler (1937 – 2025)
Ein Nachruf von Wolfgang Pöschl
Ein Nachruf von Wolfgang Pöschl auf die im September 2025 verstorbene Historikerin, Publizistin und langjährige aut: Wegbegleiterin Gretl Köfler, erschienen in der aut: info 1/2026.
Gretl Köfler begleitete als Kritikerin der Tiroler Tageszeitung die Aufbruchsstimmung, die in der Tiroler Architektur ab den 1980er- und 1990er-Jahren aufkam. Jedesmal, wenn ich am Innsbrucker Casino vorbeigehe, muss ich an die Formulierung „Maharadscha-Palast“ denken, als den sie das Bauwerk kritisiert hat.
Persönlich lernte ich Gretl als Auftraggeberin von Reinhardt Honold kennen. Er implantierte für sie einen transparenten Bücherraum in den Stadel ihres alten Bauernhauses. Der bestehende Raum blieb unberührt und Tageslicht kam nur durch einige Glasdachziegel. Der sehr ungewöhnliche und experimentelle Einbau machte Gretl in meinen Augen zur Architekturmuse.
In den folgenden 35 Jahren waren wir Freunde in dem Sinne, dass wir uns freuten, wenn wir uns zufällig – meistens im aut – begegneten. Dann führten wir lange Gespräche, oft zwischen Tür und Angel. Ich war stets begierig Gretls großes historisches Wissen anzuzapfen. Sie wusste, unter welchen Bedingungen unsere alten Bauernhäuser und Städte entstanden sind, und vieles mehr. Vor allem war sie ein wacher Geist, dem nichts entging. Ihre Kritik konnte lehrreich und bestärkend sein, aber auch schonungslos und messerscharf.
Gretl war eine Instanz, ein „guter Geist“, der in vielen Bereichen hilfreich war. Sie gab der allgemeinen Skepsis gegenüber einer Innsbrucker Altstadt als „Weltkulturerbe“ die historisch kritischen Argumente und schärfte den Blick auf einen Organismus, der nie aufhört, sich zu verändern und anzupassen, und der nicht unter eine „Käseglocke“ gestellt werden sollte.
Als ein guter Geist, der uns Architekt:innen Jahrzehnte lang begleitet hat, wird Gretl fehlen, aber auch in Erinnerung bleiben und für mich als innere Stimme weiterleben.
gretl köfler (1937 – 2025)
geb. 1937 in Innsbruck; Studium der Geschichte in Innsbruck; 1968 Promotion mit einer Dissertation über Eleonore von Schottland; Historikerin, Autorin, Archivarin, Architekturpublizistin; langjährige Mitarbeiterin in der Kulturredaktion sowie bis 2004 Archivarin der Tiroler Tageszeitung; u. a. freie Mitarbeiterin des Architektur- und BAUforum; gestorben im September 2025
publikationen (Auswahl)
Herausgeberin bzw. Autorin mehrerer Bücher u. a. „Die Frau in der Geschichte Tirols“ (gem. mit Michael Forcher), Haymon Verlag, 1986; „Beiträge zur Tiroler Frauenforschung. Ein Arbeitsbericht“, Kommissionsverlag Wagner, 1989; „Auflösung und Restitution von Vereinen, Organisationen und Verbänden in Tirol“, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004; „Tirol – Vom ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart“ Haymon Verlag (in Vorbereitung)
Zahlreiche Beiträge in Zeitungen, Zeitschiften und Publikationen u. a. „Die Austreibung der Juden aus Tirol im Jahre 1938“, in: „Das Fenster 29“, 1981; „Widerstand und Verfolgung 1938 – 1945“, in „Tirol 1938“, 1984; „Widerstandsbewegung und politische Parteien in Tirol“, in „Österreich und die Sieger“, 1986; „Tirol und die Juden“ in „Tirol und der Anschluss“, 1988; „Reinhardt Honold: Baudenkmäler, die nicht im Reiseführer stehen“, in „Ansichtssachen“, 1996; „Die Tiroler Schützen zwischen 1938 und 1952“, in: „Ausgeschlossen und entrechtet“, 2006; „Zwischen Stillstand und Aufbruch“ in „Widerstand und Wandel. Über die 1970er-Jahre in Tirol“, aut, 2020
Mitwirkung an zahlreichen Publikationen u. a. „Frauen in Tirol“, 2003; „Frauenarchitektouren: Arbeiten von Architektinnen in Österreich“, 2004; „Die Geschichte der Stadt Innsbruck“, 2008; „Innsbruck. Stadtgeschichten“, 2008; „Andreas Uebele: Alphabet Innsbruck“, 2009; „Tiroler Burgenbuch“, 2020
