friedrich achleitner: othmar barth. architektur und landschaft
Das aut: feuilleton ist ein Auszug aus Friedrich Achleitners Text „Architektur und Landschaft“, erschienen in „Othmar Barth“, Verlag Anton Pustet Salzburg, 2007
Othmar Barth stellt seine sensiblen und selbstbewussten Bauten in die Landschaft, als könnte die Kultur einer Region mit der größten Selbstverständlichkeit tradiert und in eine neue bauliche Wirklichkeit transformiert werden.
Es ist unmöglich über die Architektur von Othmar Barth zu sprechen, ohne die Begriffe Region, Landschaft, Urbanität oder konkret das Problem der Transformation typologischer und topographischer Elemente neu zu überdenken, sie im kulturellen Kontext von Südtirol in Frage zu stellen. Barths Bauten, wenn sie auch noch so hautnah aus ihrer Umgebung und aus ihrer Aufgabe heraus entwickelt wurden, stellen immer auch Kommentare zu einer allgemeinen baukulturellen Situation dar, sie belegen ihre Verbindlichkeit mit einer besonderen Antwort.
Trotz alledem scheint mir Othmar Barth alles andere als ein Regionalist zu sein, auch kein kritischer. Seine Bauten suchen nicht das Regionale, sie kleiden sich nicht ein. Sie haben also nicht die regionale Formproduktion zum Thema. Wenn sie trotzdem unlösbar mit ihrer Region verbunden sind, dann deshalb, weil sie ihr nicht ausweichen, weil sie sich ihren Bedingungen und Gegebenheiten stellen, weil sie aus einem produktiven Konflikt mit ihr entstanden sind und weil sie sich, nicht zuletzt, auf dem Niveau der Zeit mit ihren Problemen auseinandersetzen.
Man könnte behaupten, dass alle wichtigen Bauten Barths, angefangen bei der Cusanus-Akademie, über das Herberthaus und das Hotel Ambach, bis herauf zum „Skigymnasium“ Stams das Thema der Raumvielfalt unter einem bergenden Dach behandeln, die Dialektik von Klein- und Großform, also ein typologisches Moment, das man sowohl bei den städtischen Bürgerhäusern Südtirols als auch bei den Bauernhöfen der Wein- und Bergregion antrifft, und trotzdem wird man an diesen Konzepten keine Spur einer formalen Wiederholung, einer zeichenhaften Ab- oder Nachschrift finden. Othmar Barths Bauten sind Erfindungen, Neuformulierungen, eingebettet in einen kulturellen Kontext, ohne kontextualistisch zu sein.
Schon in der Cusanus-Akademie wird das typologische Element des städtischen Saalhauses, die Lichttonne, transformiert in ein urbanes, räumliches System, in die Überdachung einer Piazza, die selbst wieder eine Transformation eines räumlichen Elements, der „Sala“, in einen gemeinschaftlichen Zentralraum darstellt. Der Sichtziegelbau, in Brixen alles andere als vordergründig heimisch, wird jedoch zum historischen Verweis auf eine ältere romanische, urbane Tradition, die mit den Städten Oberitaliens genau so viel zu tun hat wie mit Erinnerungen an eine christlich-humanistische Tradition.
Das Hotel Ambach reagiert in einer ähnlichen Form wie das Herberthaus auf die Landschaft, konkret auf die Topographie des Ortes, ohne zu vergessen, dass der in der Landschaft angelegte Duktus erst durch eine präzisierte Gestik voll sichtbar gemacht werden kann. Hier kommt ein manieristischer Aspekt in Barths Bauten zum Tragen, ein räumliches und lineares Zuendeführen formaler Bewegungen, die oft erst in komplizierten Knoten oder Durchdringungen sich verdichten und wieder auflösen, gleichsam die Bewegung im Unsichtbaren weiterführend.
Barths Entwürfe bleiben aber nicht in diesem vordergründig Gestalthaften stecken, sondern sie suchen ihre Entsprechung im Raumkonzept, sodass die scheinbar aus der landschaftlichen Situation entwickelte Großform genauso eine aus der inneren Aufgabe entwickelte sein könnte. So gelingt es etwa beim Hotel Ambach, eine neue Qualität in die überaus schwierige Problematik der Tourismusarchitektur einzuführen. Sie besteht nicht in der, wenn auch noch so raffinierten Interpretation einer klischeehaften Erwartungshaltung des Gastes gegenüber einer Kulturlandschaft, sondern im räumlich akzentuierten Erlebnis eines Ortes. Sie macht den Ort zum Brennpunkt eines erlebten Umfelds, den Aufenthalt im Haus zu einer auch räumlich akzentuierten Zeit. Der Bau steht dem Ort nicht im Wege, sondern ermöglicht ihm eine besondere Darstellung seiner Merkmale, sich selbst als einen aktiven Teil dieses Erlebnisses verstehend. Othmar Barths Bauten schaffen also nicht Distanz zu ihrer Umgebung, sondern suchen ihre Nähe. Das ist eine urbane Verhaltensweise, zeugt von einem städtischen Kulturbegriff. Dieser Fast-Berührungskontakt ist auch das Geheimnis der Schule von Stams. Nur durch die Nähe zum Stift konnte eine neue Einheit, die besondere Qualität einer Großform entstehen. Barth beweist durch diese Haltung, dass unsere Kulturlandschaft ein urbanes Phänomen ist, sowohl ihre Ästhetik als auch unsere Rezeption. Nur eine radikale Haltung kann es hier noch zu klaren Verhältnissen bringen. Alles Anbiedernde, Verschleiernde, Zudeckende, Einkleidende ist Verlogenheit, muss in die visuelle Katastrophe umkippen.
Insofern sind Othmar Barths Bauten Aufforderungen und Ermunterungen zur Wahrheit. Nicht rechthaberisch in rationalen Systemen sich ausbreitend, sondern spontan, inspiriert, engagiert, optimistisch, risikofreudig, ja sinnlich und versponnen zugleich, feinnervig und fest zupackend. Wenn der Begriff nicht zu suspekt und abgegriffen wäre, müsste man sagen, dass die Arbeiten von Othmar Barth im wachen Spannungsfeld einer mitteleuropäischen Kultur entstehen, ohne sich eintunken zu lassen in ein Lokalkolorit, ohne zum Parteigänger regionaler Selbstbespiegelung zu werden. Für mich waren Othmar Barths Bauten immer eine Hoffnung und der Beweis, dass es eine Architektur der Landschaft geben kann, ja dass es sie gibt.
Eine von Rainer Köberl und Lukas Schaller konzipierte Ausstellung, die das Werk des für die Entwicklung der modernen Architektur in Südtirol wegweisenden Architekten Othmar Barth (1927 – 2010) filmisch dokumentiert.
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