rainer köberl: der friedhof in muda mae über longarone
Wie bauen, nach der völligen Auslöschung eines Ortes?
Im Oktober 1963 ging am Monte Toc (übersetzt: „morscher Berg“) ein gewaltiger Erdrutsch ab und stürzte in den Vajont Stausee, der seit 1960 langsam befüllt wurde. Die entstehende Flutwelle übersprang die Staumauer und führte zur totalen Zerstörung von Longarone, das am gegenüberliegenden Hang gelegen war. Im Zuge des Wiederaufbaus einer neuen Siedlung1 wurde 1966 bis 1972 auf einer leicht abschüssigen Wiese südwestlich und außerhalb des Ortes beim Weiler Muda Mae über dem dort einmündenden Zoldanatal ein neuer Friedhof geplant und gebaut.
Den Schlüssel zum Werk findet man in den Ausführungen der Architekten2: „Schon bei der ersten Besichtigung erkannten wir, dass sich der Blick vom Bauplatz direkt hinunter auf die gewaltige Schotterfläche des meist wasserlosen Piavetal und hinüber auf die enorme Staumauer richtet, die ja indirekt tausenden Bewohner:innen das Leben kostete. Uns schien, dass ein Friedhof mit diesem Ausblick nicht jenen Ort der Sammlung und der Erinnerung bieten kann, den man braucht, wenn man das Grab eines Angehörigen besucht. Daher entstand die Idee, einen langen Graben auszuheben und dort Grabnischen und Räume des Gedenkens zu schaffen.“
Durch eine dicke Mauer – einem architektonisch unauffälligen Torbau mit Aufbahrungshalle und Nebenräumen – betritt man den länglichen, in Richtung talauswärts leicht abfallenden, ummauerten und mit Bäumen umgebenen Bezirk, der hinüberschaut zur „Staumauer des Unglücks“. Nichts – keine klassischen Grabsteine, schon gar keine „italienische“ Friedhofsarchitektur – nur eine Wiese mit ein paar großen Laubbäumen, runde Nischen aus Bruchsteinen und Stützmauern, ein geschotteter Weg, der zu einer Treppe hinunter in ein bodengleiches, durch niederes Buschwerk geschütztes und versenktes „Urnenrund“ führt. Unten die Urnen und Gräber in den mannshohen grauen Bruchsteinwänden einer vielgestaltigen und „freundlichen“ Schlucht mit Seitenaufgängen, Nischen, Nebenkammern, Podesten und einem rötlichen Teppich aus Ziegelsteinen. Der Weg endet in einer Treppe hinauf auf eine Wiese. Dort fällt nach einer Begrenzungsmauer das Gelände steil hinunter ins Piavetal. Auf der anderen Talseite sieht man die mächtige Staumauer, damals die höchste der Welt. Schon etwas merkwürdig, steht hier ein Strommast ...
1 Der Prozess des Wiederaufbaus des Dorfes ist eine interessante Geschichte, zu der ich jedoch keinerlei Planmaterial finden konnte. Insofern kann ich hier nur sehr vage Information geben: Der erste Auftrag erging an ein Planungsteam um Giuseppe Samona aus Venedig, deren „modernistischer“ Ansatz eine völlig „neue Welt“ vorsah. Dies stieß in der Bevölkerung auf vehementen Widerstand. In Folge wurden Francesco Tentori und Gianni Avon als Vermittler beauftragt, was zu einem neuen Plan führte. Genauere Auskunft kann u. U. das von der Università Iuav di Venezia herausgegebene Buch „Riconstruire Longarone. I piani e le architetture 1963 – 1972“ (Silvana Editoriale) geben.
2 Der Friedhof wurde von den Architekten Gianni Avon (geb. 1922 Udine – gest. 2006 Udine), Francesco Tentori (geb. 1931 Udine – gest. 2009 Rom) und Marco Zanuso (geb. 1916 Mailand – gest. 2001 Mailand) entworfen.
Herzlichen Dank an Paulo Biadine, der zu diesem denkwürdigen Ort führte. Dieser ist für jeden, der durch das Piavetal nach Venedig fährt, ein lohnender Abstecher bei Longarone.
Auch der Betonwohnriegel von Valeriano Pastor (1928 – 2023) über dem Ort – der früheste Wiederaufbau des Dorfes – ist einen Besuch wert.
Weitere Fotos der Friedhofsanlage und Fotos vom Wohnbau von Valeriano Pastor:
>> Fotoalbum
Text: Rainer Köberl, aus aut: info 3/26
