ivona jelčić: innsbrucker kulturk(r)ämpfe
Eine städtische Liegenschaft, die sonst keiner wollte, wurde für eine kulturelle Nutzung zur Verfügung gestellt. In bester „Kulturquartier“-Lage entwickelte sich ein lebendiger Ort für zeitgenössische Kunst und Experimente, der auch von anderen Vereinen und Veranstalter:innen der freien Szene genutzt wurde. Sogar die großen Nachbarn wie das Landestheater dockten hier an, zum Beispiel mit der großartigen Produktion „Prosa für Elisabeth“ von Händl Klaus. Das klingt eigentlich recht vernünftig, aber mit Vernunft oder gar mit fortschrittlicher Kulturpolitik scheint es nicht weit her zu sein in Innsbruck, wo Räume für freie Kunst- und Kulturarbeit ohnehin schon Mangelware sind.
Sollte zwischenzeitlich nicht noch ein Wunder geschehen sein, ist es seit Ende Jänner also vorbei mit dem oben beschriebenen Projekt RFDINSEL im Kubus vor dem Landestheater, trotz aller vom Betreiber vorgestellten Konzepte, Präsentationen, Ansuchen und vorgeschlagenen Kombinationen aus Art Space und Gastronomie. Bei der Stadtführung stieß er damit letztendlich auf taube Ohren, aber nicht etwa, weil es so viele bessere Ideen und Konzepte für eine alternative Nutzung des Gebäudes gegeben hat. Das Gegenteil war der Fall.
Abgesehen vom schäbigen Umgang mit Kulturschaffenden, die durch endlose Hinhaltetaktik mürbe gemacht und dann vor die Tür gesetzt werden, offenbart sich am Beispiel Pavillon auch ein recht hinterwäldlerischer Geist, der zusammen mit dem Ruf nach mehr „Gassenhauern“ im Landestheater aus dem Rathaus weht. Er er-zeugt ein Klima, in dem Kultur in erster Linie als Kostenfaktor und nicht als Motor für Stadtentwicklung betrachtet wird. Räume für Kultur muss man auch schaffen wollen, zum Beispiel indem man nicht krampfhaft nach Alternativen (alles außer Kultur!) sucht. Denn wo nicht einmal die Kommune willens ist, kulturellen und gesellschaftlichen Mehrwert da und dort über die bestmögliche monetäre Verwertung von Gebäuden zu stellen, wird man das auch von Privaten nicht erwarten können. Da helfen dann auch virtuelle Vermittlungsplattformen für Raumsuchende wenig.
Der Pavillon, auch bekannt als Würfel oder Kubus, ist übrigens ein skurriles Relikt aus einer Zeit, in der in Innsbruck auch andere Kulturkämpfe ausgefochten wurden. Anfang der 2000er-Jahre, als das Landestheater mit der von karl + probst geplanten Probebühne eine bauliche Erweiterung erfuhr, wurde auch ein Architekturwettbewerb für die Platzgestaltung am Rennweg ausgeschrieben. Das Siegerprojekt der ARGE Wich / terra nova umfasste auch die „Einhausung“ einer öffentlichen WC-Anlage und des Tiefgaragenzugangs durch einen würfelförmigen, „modernen“ Glasbau, der prompt den Protest von konservativen Ortsbildschützern hervorrief. Gut zwanzig Jahre später wirken nicht nur die blassgrünen Milchglasfassadenelemente reichlich angestaubt, was aber irgendwie auch gut zum Zeitgeist passt. Einziehen soll nun wieder ein Gastronomiebetrieb, zuletzt lief die Suche nach einem Pächter, die sich allerdings schon vor der RFDINSEL -Ära schwierig gestaltet hatte, weil der Pavillon marode und in seinem jetzigen baulichen Zustand für größere gastronomische Vorhaben ungeeignet ist. Man darf gespannt sein, was draus wird. Hoffentlich nicht so ein Desaster wie im benachbarten Haus der Musik, wo die Tiroler Landestheater und Orchester GmbH (TLO) eingemietet ist und die Gastronomieflächen an einen externen Gastronomen weiterverpachtet. Wie in einem Prüfbericht des Stadtrechnungshofes nachzulesen ist, hat die TLO – also eine durch öffentliche Mittel finanzierte Kulturinstitution – die Pächterin im prüfungsrelevanten Zeitraum „in erheblichem Umfang“1 finanziell unterstützt, etwa durch Pachtreduktionen und Forderungsverzichte. Man stelle sich den Skandal vor, wäre es umgekehrt gewesen.
1 Bericht über die Prüfung von Teilbereichen der Gebarung der Geschäftsjahre 2020 / 2021 bis 2022 / 2023 der Tiroler Landestheater und Orchester GmbH Innsbruck vom 12. 09. 2025
Text: Ivona Jelčić, aus aut: info 1/26
