rainer köberl: greta kahn und sepp hechenblaikner
Warehouse Cuts – Eine Erinnerung
Greta Kahn1 ging 1975 nach London und eröffnete dort einen Friseursalon. 1994 kehrte sie nach Innsbruck zurück und setzte hier mit ihrem Salon einen ganz frischen Impuls. Größere Teams mit Fotostudio, Fotograf, Make-Up-Artists, Stylisten und Models sowie die Möglichkeiten der Weiterbildung und des Austausches junger Friseur:innen mit dem Salon in London eröffneten zusammen mit der Medienpräsenz ganz neue spannende Perspektiven für diesen Beruf.
Sepp Hechenblaickner hatte in dieser Zeit im Unterland schon einige „aus der Reihe“ fallende Einfamilienhäuser gebaut und wurde wohl deshalb von Kahns Schwester empfohlen. Die Zusammenarbeit mit Greta Kahn und ihrem Lebensgefährten, dem Photographen Steven Woollard, war geprägt durch ein unheimliches „Tunlassen“ ohne Groschenfuchserei der sonst so erfolgreichen Geschäftsfrau.
Die erste Arbeit war der „Classic Cut“ in der Bürgerstraße. Sepp war es wichtig – und dabei gehörte er in Innsbruck wohl zu den ersten – möglichst viel des Vorgefundenen, auch der Oberflächen, zu belassen und das „Gute“ zu behalten um den Charakter nicht zu verändern. Das kann man heute noch, besonders bei der Haarwäsche, erleben: die alten Wände, die sorgfältigen Aufputzinstallationen und auch die etwas merkwürdigen, aber doch im Zusammenhang „richtigen“, altbrettverkleideten, eigentlich mit Gipsplatten brandgeschützten Stahlunterzüge.
Die eigentlich wichtigste Entscheidung für die Ausstrahlung dieses neuen „Labels“ war jedoch der kurz danach entstandene Salon „Warehouse Cuts“ in den Viaduktbögen.2 Klar war für Sepp auch hier, die Grundsubstanz mit Breccienmauerwerk und Betontonne vollständig zu bewahren, um den Charakter des Ortes möglichst beizubehalten. Ähnlich wie im kleinen Salon in der Bürgerstraße wurde lediglich durch einen massiven Eingriff das Raumgefühl stark verändert, eigentlich auf seinen Ursprung zurückgeführt. Die Rückwand wurde geöffnet, ein riesiges, liegendes Fenster hineingeschnitten. Fast wie in ein Aquarium schaute man in den in dieser Gegend unvermutet grünen Garten des Kirchengrundstücks, was leider zu etwas unverständlichen Nachbarschaftsstreitigkeiten führte.
Nur das konstruktiv Nötigste aus Stahlprofilen bildete – kontrastiert durch das verrostete Blechblatt der Eingangstür – die Glasfassade und gewährte maximalen Einblick in den Ort der „Verschönerung“. Lediglich die zwei wichtigen Mobiliarelemente des Friseurs, die schweren weißen Keramikwaschbecken und die mächtigen Friseurstühle, wurden gekauft, alles andere selbst entworfen und gefertigt. Längs in der Mitte des Raumes, auf hellgrauem glänzenden Kunstharzboden, das beidseitig zu benutzende Sitzmöbel, fast wie ein großes Gürteltier, aus geschmiedeten Spanten mit dazwischen gespanntem Leder mit Lautsprecherkopf und Kabelschwanz. Die schwebenden rahmenlosen Spiegel vor der Breccienwand, das aus vorgefundenen Industrielammellenheizkörpern zusammengebastelte Empfangspult und die präzise Aufputzinstallation vermittelten wunderbare Großstadtatmosphäre.
Ja – so was fehlt – der kleine Salon kann's nicht ersetzen. Vielleicht wäre die Zeit jedoch reif, unter den Bögen wieder einen Salon zu eröffnen – als Highlight in der nun immer größer werdenden Flut von Friseur:innen.
sepp hechenblaikner
geb. 1958 in Kirchbichl; Architekturstudium in Innsbruck; ab 1996 selbständig tätig; Zahlreiche Bauten u. a. Silberquelle, Brixlegg; Steindl, Itter; Freudenberg Simmerwerke, Kufstein; Motorbär, Schwaz; MPREIS Ellmau; Friseursalons Greta Kahn Innsbruck und London; Friseursalon Greti Klinger, Kitzbühel sowie ca. 30 Einfamilienhäuser.
1 Meine Informationen stammen zum Teil aus einem Interview mit Greta Kahn 2009.
2 2016 wurde von der ÖBB durch Robert Possenig überlegt, bei Neuvermietung von Viaduktbögen die Fassadengestaltung selbst in die Hand zu nehmen. Dazu wurde die Firma Halotech mit mir als Subplaner mit der Erstellung eines Gestaltungskonzepts beauftragt. Mit seinem klaren horizontalen Kämpfer genau am Bogenansatz, der Vollverglasung des Bogens und dem schmalen mittig gesetzten Lüftungsflügel war die Fassade Sepp Hechenblaikners für mich ein erster Ansatz. Im Bereich unter dem Kämpfer gab es dann unterschiedliche, variable Öffnungsmöglichkeiten, die sich den jeweiligen Funktionen anpassen konnten. Als Material wurde Cortainstahl vorgeschlagen, was auf Grund von Flugrost direkt unter der Bahn sinnvoll und eigentlich auch schon bei Sepp enthalten war. Nach einem ersten Bogen, den Architekt M. Schafferer von der ÖBB beauftragt bekam und dessen Entwurf von mir im Sinne des Konzepts geschärft wurde, entstanden im Lauf der Jahre dann innerhalb dieses Gestaltungskanons einige weitere Bogenfassaden oder Bogenausbauten durch verschiedene Planer, etwa „Hevi‘s Plansch“ von Alexander Topf (s. Small is Beautiful, aut: info 1 / 2022). Erwähnt sei noch, dass im Konzept auch Ausnahmen explizit erwünscht waren, aber als Bedingung die Vorlage bei einem Beirat vorgesehen war.
Text: Rainer Köberl, aus aut: info1/26
